70 Jahre Wiedergründung des Volksbühnen-Verbandes

Am 20. Mai 1948 wurde in Hamburg der Verband deutscher Volksbühnen wiedergegründet. Er besteht als Bund deutscher Volksbühnen bis heute fort und ist im Begriff, sich als ein Verbund aller 54 noch bestehenden Vereine neu aufzustellen.

Erstmals wurde der Verband 1920 in Berlin gegründet. 30 Jahre zuvor, 1890, war hier zu Zeiten der Industrialisierungswelle im Kaiserreich der erste Volksbühnen-Verein als Besucherorganisation mit vergünstigten Eintrittspreisen für die minderbemittelte Arbeiterschicht ins Leben gerufen worden.

Nach 1918 breitete sich in der neu entstandenen Republik die Volksbühnenbewegung auf ganz Deutschland aus. Sie wurde zum Garant, Theater für eine breite Öffentlichkeit zu öffnen. Eine eigene Zeitschrift, ein eigener Bühnenverlag und eigene Theaterbetriebe kamen hinzu. Ab 1924 brachten fünf volksbühneneigene Landestheater Aufführungen in Städte ohne eigenes Theater. Sie waren die Vorläufer der nach 1945 von westdeutschen Kommunen und Bundesländern getragenen Landesbühnen.

Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise wirkte sich auch auf den Bestand der Volksbühnen aus. 1933 waren aber immer noch 250 ehrenamtlich geführte Vereine und ihr Dachverband davon betroffen, dass die Nationalsozialisten deren Auflösung erzwangen.

Als 1945 kurz nach Kriegsende die ersten Theater teils in den Ruinen der Städte wieder zu spielen begannen, war es für die vielerorts wieder gegründeten Volksbühnen-Vereine schwer, vergünstigt Plätze zu bekommen. Sie füllten sich schnell mit kulturhungrigen Besuchern zu vollen Preisen.

Die Währungsreform am 20. Juni 1948 brachte den großen Einschnitt. Vielen Stadttheatern garantierten jetzt nur die örtlichen Volksbühnen-Vereine, dass ihr Zuschauerraum wenigstens an einigen Tagen voll besetzt war.

Einen Monat vor der Währungsreform waren auf Einladung der Hamburger Volksbühne Vertreter aus 33 Vereinen in West-Berlin und den damaligen Westzonen zum 1. Volksbühnentag nach der Zwangspause, dem 12. nach 1920, in die Elbestadt gekommen.

Sie gründeten am 20. Mai 1948 den Verband der deutschen Volksbühnen-Vereine neu. August Kirch, der als Senator 1923 die Volksbühne Altona gegründet hatte, jetzt wesentlich am Wiederaufbau der Hamburger Volksbühne beteiligt war und die bis 1958 leitete, wurde zum 1. Vorsitzenden des Verbandes gewählt. Die Satzung sah zunächst Hamburg als Sitz vor, der nach Fortfall der Zonengrenzen nach Berlin verlegt werden sollte.

Das Grundsatzreferat hielt Dr. Siegfried Nestriepke, der 1920 der erste Geschäftsführer des Verbandes war und bis in die 1960er Jahre an den Leistungen der Freien Volksbühne Berlin und deren eigenem Theater herausragenden Anteil hatte. Dr. Nestriepke übernahm 1952 den Vorsitz des Verbandes, ab 1953 wie vorgesehen mit Sitz in Berlin.

1980 wurde der Name in Bundesverband der deutschen Volksbühnen-Vereine, 1991 nach Turbulenzen, in denen viele Vereine ausgetreten waren, in Bund deutscher Volksbühnen verändert. Seitdem haben ein jährliches Arbeitsseminar der Bremischen Volksbühnen und 2000 bis 2017 eine Arbeitsgemeinschaft aller Vereine in Kooperation mit den Bund die Verbindungen untereinander erhalten.

2017 begann mit neuer Satzung und Beitragsstruktur der Wiedereintritt der Mehrzahl der Vereine in den Bund, der damit die Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft wieder selbst übernommen hat. Mit einem neuen, verjüngten Vorstand unter Vorsitz von Bernd Link (Bielefeld) sind für die Zukunft Kommunikationswege über die neu entstandenen Netzwerke geplant.

Waren bis zum 33. Volksbühnentag im Jahr 1991 die kulturpolitischen Auftritte mit den jeweiligen Mitgliederversammlungen verbunden, finden letztere seitdem kombiniert mit Arbeitstagungen statt. Inzwischen hat der Bund auch wieder drei kulturpolitische Volksbühnentage durchgeführt. Der nächste ist für 2019 geplant. Dazu eingeladen hat die Hamburger Volksbühne („inkultur“), deren Vorstandsvorsitzender Bernd Rickert auch dem neuen Bundesvorstand angehört. Sie feiert dann gleichzeitig ihr 100-jähriges Bestehen

Dieter Hadamczik